Das Leben an Bord

Eva und Bernd – zwei Freunde, wie sie unterschiedlicher nicht sein können

Der Aktive Frühaufsteher

Da schlafen sie noch, die bunten Nachtschwärmer. Ich aber bin wach, noch bevor der Morgen graut. Hose an, Pullover rüber und den Kamm noch schnell über meine nicht mehr ganz so üppige Haarpracht gezogen. Bevor ich die Tür zu unserer Kabine schliesse, werfe ich noch einen prüfenden Blick auf meine Jugendfreundin Eva, die zufrieden wie ein kleines Murmeltier in ihrem Bett zusammengerollt liegt und noch in ihrem zerknitterten Festkleid vom Vorabend steckt. Einer dieser Nachtschwärmer eben. Ich schliesse kopfschüttelnd die Tür und mach mich beschwingt auf in Richtung Deck. Manche Dinge ändern sich wohl nie.

Buenos días Barcelona! Da steh ich, zuvorderst, fast schon über die Reling gebeugt und schau mit zusammen gekniffenen Augen gespannt in die Ferne. Der frische Fahrtwind hat die Arbeit meines Kammes bereits zu Nichte gemacht und die ersten Sonnenstrahlen kitzeln meine Nase, während das sanfte Morgengrauen langsam die Umrisse der spanischen Metropole preisgibt. Bei Hafeneinfahrt weiss ich gar nicht richtig, wo ich genau hinschauen soll, ein fröhlich geordneter Tumult macht sich breit, wohin mein Auge reicht. Eva liegt vermutlich noch laut schnarchend in ihrem Bett und träumt von Hummer und Champagner des eingenommenen Abendmahls. Wir beide sind seit Jahren ein Reiseteam der Extraklasse, ohne uns während der Ferien je wirklich zu sehen. Unsere Uhren scheinen asynchron zu laufen und die Vorlieben inkongruent zu sein. Auf Kreuzfahrten aber durchaus vereinbar! Apropos Hummer und Champagner. Das Grummeln meines Magens vermag mich von der herrlichen Aussicht loszulösen und führt mich in den Speisesaal - wo mich der Anblick des reichlich gedeckten Frühstücksbuffets in erneutes Staunen versetzt. Das nenne ich Ferien. Am Tisch greife ich nach meinem Orangensaft und proste der unsichtbaren Eva mir gegenüber fröhlich zu.

Gestärkt durch Croissant, Café und co., stürze ich mich nach Anlegen in ein katalonisches Abenteuer. Der gebuchte Landausflug bringt mir in kürzester Zeit die Stadt näher. Ehrfürchtig bewundert unser kleiner Trupp an Frühaufstehern die Sagrada Família sowie die Casa Batlló, staunen über das geschäftige Treiben auf der La Rambla und schreiten ehrfürchtig durch die schmalen Steingässchen, wo sich Restaurants neben kleinen Läden reihen. Es stellt sich heraus, dass Paul, ein pensionierter Geschichtslehrer aus meiner Ausflugsgruppe, meine Vorliebe für Tapas teilt. Zu Spanischen Tortillas, Patatas Bravas, Iberischem Schinken, Oliven und einem Glas Rioja erzählt er mir weitere geschichtsträchtige Details über die kosmopolitische Hauptstadt Kataloniens.

Glücklich und genährt nehmen Paul und ich nachmittags an einem weiteren Ausflugs teil, der uns zu den von Buchten gesäumten Stränden an der Costa Brava führt. Während wir zum Meeresrauschen über die Felsen klettern, fühle ich mich so unbeschwert, wie schon lange nicht mehr.

Nach Rückkehr zum Hafen, beschliessen Paul und ich rechtzeitig einzuschiffen. Wir wollen schliesslich gute Plätze für die Abendshow ergattern, weswegen wir auch die 1. von 2 Essenssitzungen auswählen. Zu einem Glas Weisswein stossen wir auf den glorreichen Tag an und verabreden einen Treffpunkt früh morgens an Deck, um auch das morgige Landspektakel gemeinsam in Angriff zu nehmen. Als ich zur Kabine zurückkehre, ist Evas Bett leer. Ihr Tag muss wohl gerade erst begonnen haben.

 

Die Geniesserin

“Schwarz 28. Und noch einen Champagner bitte”. Und dann schlage ich die Augen auf und liege plötzlich im wohlig weichen Bett in meiner Kabine. Die Armbanduhr lässt vermelden, dass es gerade 10.06 Uhr ist - gar nicht einmal so schlecht. Bernd, mein alter Freund, den ich noch aus Schultagen kenne und mit dem ich einmal jährlich verreise, ist jetzt vermutlich schon zwei Mal um die ganze Stadt gelaufen. Ich gähne noch einmal herzhaft, greife zum Hörer und bestell mir zur Feier des Tages das Frühstück aufs Zimmer. Warum auch nicht. Dann tapse ich gemächlich zur Dusche und als ich mich mit frisch erwachten Geist der Welt wieder präsentieren kann, ist es auch schon da. Ich schnapp mir die Morgenzeitung, setze mich auf den Balkon und beisse genüsslich in mein Croissant, während sich das Blau des Mittelmeers vor mir ausbreitet. Vor meinem geistigen Auge sehe ich Bernd mit wehendem Haar begeistert die Strassen von Barcelona auf und ab rennen. Ich proste ihm mit meinem Café zu und widme mich wieder meiner Aussicht.

Nach dieser ausserordentlich grossen Wohltat für meinen Magen, beschliesse ich Barcolona noch ein bisschen warten zu lassen. Denn während die meisten Leute gerade an Land sind, um die spanische Hauptstadt zu bewundern, habe ich fast das ganze Pooldeck für mich. Ich schwimme ein paar entspannte Kreise und winke Anika zu, die es sich gerade mit einem Buch im Sonnenstuhl bequem gemacht hat. Wir beide haben gestern ordentlich das Tanzbein schwingen lassen. Ich schwimm zu ihr rüber. Wir quatschen kurz, lachen über den Vorabend und beschliessen dann, Barcelona gemeinsam zu erobern. 

Mit den grössten Sonnenhüten, die wir gefunden haben, laufen wir dem Wasser entlang und suchen nach einem guten Strandrestaurant. Krabbensalat und gegrillter Fisch stehen auf dem Menü. Danach spazieren wir zum lebendigen Strand und setzen uns unters Volk. Zwischen lachenden Touristen und fröhlichen Einheimischen arbeiten Anika und ich an unserem Teint, bevor wir fast die Zeit vergessen und dann eher beschwingt zum Hafen marschieren müssen, um die Einschiffung nicht zu verpassen. Dieser plötzlich eingesetzten Eile begegnen wir wohl am besten mit einer auflockernden Massage an Bord, da sind wir uns beide einig. Gesagt – getan. Entspannt kehren wir zu unseren Kabinen zurück, wo wir uns für den Abend in Schale werfen. Von Bern weit und breit noch immer keine Spur. Anika und ich treffen uns für die 2. Essensitzung und probieren uns entzückt durch das vortreffliche Weinangebot. Anschliessend heisst es wieder Schwarz 28 und Champagner, bitte: Das Casino erwartet uns. Anika hat heute mehr Glück als ich, aber das heisst wohl oder übel auch, dass sie die Getränke in der Disko zu übernehmen hat, in der wir plötzlich wieder aus unerklärlichen Gründen gelandet sind. Zu Abba und Martini steppen wir also fröhlich in die Nacht hinein, die Armbanduhr wird zu diesem Zeitpunkt gekonnt ignoriert. Ein letzter Spaziergang unter dem hellen Sternenhimmel, bevor wir uns schliesslich eine gute Nacht zurufen und in Richtung unserer Kabine schweben. Bevor der erste Morgen graut, bin ich dann zufrieden eingeschlafen.

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